Ärzte mit Grenzen: Allein im Labyrinth aus Schilddrüse und Bandscheibe

Zum Thema Allgemein, Home von - August 10, 2016

Ich habe zuletzt lange überlegt, ob ich das hier schreiben soll. Schließlich geht es hier sonst um Filme. Auf der anderen Seite ist das hier ganz allein meine Seite und was mir auf der Seele brennt sollte raus. Letztlich hat mich ein Beitrag meiner Blogger-Kollegin Gina von Passion of Arts dazu bewegt diesen Text nun zu schreiben. Es geht um meinen gesundheitlichen Zustand, das fehlende Vertrauen in unsere Ärzte und verlorengegangene Motivation.

Um zu beschreiben, was mit mir los ist, versuche ich euch erst einmal beide Krankheitsfälle von mir näherzubringen, die Bandscheibe und meine Schilddrüse:

Mit der Bandscheibe fing alles an

2013 habe ich im Kino gejobbt. Ich bin mir im Nachhinein sicher, dass alles seinen Ursprung dort hat. Beim Zusammenstellen eines Aufstellers habe ich mich so dämlich bewegt, dass es im Rücken geknackt hat. Natürlich war damals noch nie von der Bandscheibe die Rede. Ich habe meinen Orthopäden aufgesucht, er hat mich eingerenkt und mir eine Spritze verpasst. Das half, der große Schmerz war weg. Aber ein bisschen Restschmerz blieb immer und um Zeilen zu sparen: Dieser Schmerz wiederholte sich nun im Abstand von zwei, drei Monaten immer. Jedes Mal in der Orthopädie, nach langem Warten trotz Terminen und Abfertigungen wie auf dem Fließband, gab es dann wieder Spritzen. Oder wieder Einrenkungen, jedes Mal für 25 Euro extra, natürlich.

Vorerst lebte ich damit, immer in der Hoffnung das bisschen Ping würde schon bald verschwinden. Als ich Anfang 2014 aus London zurück kam und Wochen später die Schmerzen unerträglich wurden, bekam ich endlich ein MRT und siehe da, ich stand kurz vor einem Bandscheibenvorfall. Jetzt endlich verschrieb man mir ein Sportreha-Programm über 5-6 Monate. Die Krankenkasse zahlte den Großteil zurück, allerdings erst nach ordnungsgemäßem Beenden des Programms. Obwohl ich arbeitslos war. Trotzdem waren die zig Monate „integrierte Rückenversorgung“ zum Muskelaufbau und Prävention inklusive Schmerztherapie die beste Maßnahme, an die ich mich seitdem erinnern kann. Ich machte Sport, wurde beweglicher und am Ende waren die Schmerzen gefühlt komplett weg.

Dann kam der neue Job in der Agentur, viel Bürotisch, wenig Sport und aufgrund von persönlichem Druck und Frust – hierauf gehe ich später ein – nahm ich außerdem wieder zu. Diese Phase würde ich als schlimmste der letzten Jahre bezeichnen, was aber seltener mit dem Rücken zusammenhing. Daher kurz vorgespult: Im Sommer 2015 fand ich also einen neuen Job, Anfang 2016 kam dann der Schmerzrückfall und die bittere Erkenntnis aus dem MRT: Bandscheibenvorfall mit nur 30 Jahren. Ein neues Programm hat man mir erst im Juni 2016 empfohlen. Wo ich dieses absolvieren sollte, musste ich selbst suchen. Leider bot kaum ein Studio das Programm an, das mir verschrieben wurde. Oder nur Privatpatienten. Mittlerweile habe ich eines gefunden und sitze dort seit Monaten auf einer Warteliste.

Alles dauert viel zu lange – trotz der Schmerzen

Zuletzt bin ich umgezogen. Kurz darauf bekam ich mir bis dato unbekannte Schmerzen, die von der Bandscheibe in die Beine strahlten. Nur noch Humpeln war angesagt. Ich konnte gar nichts mehr, weder sitzen noch richtig liegen. Viele Nächte am Stück half nur noch die Embryonalstellung. Ich erhielt Schmerzmittel, die kein Prozent Besserung brachten, erhielt eine Infusion, die nichts bewirkte – generell habe ich mich viel zu lange zu regelmäßig von Schmerzmitteln ernährt. Alles Schall und Rauch und Placebo. Nach ergebnis- und sinnlosen Stunden in der Notaufnahme und Wochen des Wartens wurde nun endlich mit Verdacht auf Bandscheibenverwölbung ein nächstes MRT gemacht. Die Ergebnisse kenne ich noch immer nicht, der nächste Termin zur Nachbesprechung der Befunde folgt morgen.

Zusammengefasst habe ich jetzt seit 2013 Rücken-, seit 2014 offiziell Bandscheibenprobleme. Diverse Schmerzmittel, Arztbesuche, Arbeitsunfähigskeitsbescheinigungen und MRTs habe ich über mich ergehen lassen. Am schlimmste sind neben den Tagen der Schmerzen vor allem die dreisten Wartezeiten, die man in diesem Land als gesetzlich Versicherter dulden muss. Ebenso geduldet werden muss, dass man von Arzt zu Arzt abgefertigt und mit Medikamenten abgespeist wird, für die man auch noch draufzahlt. Schmerzlinderung ein Luxus.

Schilddrüse: Wenn sich verändert wer du bist

Ich bin ein sehr positiver Mensch, mache und rede viel Blödsinn, bin hilfreich. Und harmoniebedürftig! Vielleicht zu sehr, weil mich das auch konfliktscheu macht. Als ich jedenfalls im Sommer 2015 die bereits erwähnte Volo-Stelle in der Agentur antrat, habe ich naiv ignoriert, dass die Agenturwelt nichts für mich ist. Das habe ich mir erst eingestanden, als es bereits zu spät war. Ich war nicht mehr ich selbst und bereits seit Monaten gefrustet, litt unter plötzlichen Schweißattacken, war antriebslos, unkonzentriert und gereizt. Beispiel: Ich lag eines Tages nach der Arbeit auf dem Bett und wollte das Zimmer nicht mehr verlassen. Nicht essen, nicht duschen, nicht TV schauen. Zwei Stunden. Dann wollte ich plötzlich an die frische Luft und Joggen, zog mich an, ging runter und noch in der Tür beschloss ich wieder hoch zu gehen. Momente wie diese kannte ich nicht von mir. Nach vielen vielen Wochen der Kritik, der unbezahlten Überstunden, des Mobbings von oben und des Drucks hat sich bei mir eine Zyste gebildet, die sich auf meine Schilddrüse gelegt hat. Sie war der Grund für meine Veränderungen und wurde dann im Frühjahr 2015 operativ entfernt, zusammen mit einer Hälfte meiner Schilddrüse. Die Narbe, die laut Arzt hätte schnell heilen sollen, trage ich jetzt noch.

Von nun an musste ich täglich L-Thyrox HEXAL nehmen, zum Ausgleich meines Hormonhaushaltes. Einige Symptome verschwanden, zum Beispiel Depressionen und Frust. Andere blieben oder kamen wieder, vor allem starke Anfälle von Antriebslosigkeit, Konzentrationseinbrüche und unlogische Schweißattacken. Auch heute noch. Die Dosierungen meiner Tabletten wurden vom Hausarzt nach jeder weiteren Blutabnahme runtergesetzt. Erst 100 μg, dann 75 μg, dann 50 usw. Nun spricht man bei mir von einer Schilddrüsenüberfunktion, obwohl ich nur noch eine Hälfte in mir trage. Der eine Arzt sagt „Hashimoto Syndrom“, der andere widerspricht und erwähnt Autoimmunkrankheiten. Der eine empfiehlt mir Endokrinologen (Termine erst ab Dezember), der andere sagt sie könnten nicht helfen, ich müsse zur Nuklearmedizin, diese habe die Gerätschaft und sei spezialisiert auf dem Gebiet.

Ein Labyrinth das wütend macht

Es ist ein ständiges Hin und Her und es kostet mich Unmengen an Zeitaufwand trotz meines Berufsverhältnisses. Außerdem kostet es Geld und Nerven. Und Kilos. Seit Mai habe ich 14kg verloren, zuletzt wieder drei rauf. Ein abderes Beispiel: Aufgrund meiner immer wiederkehrenden Schweißattacken hat sich meine Hautreinheit verschlimmert, weswegen ich nun auch zum Hautarzt gehe und mir antiseptische Waschungen und Medikamente für über 50 Euro verschreiben lasse. Ein Ende, eine Diagnose – nichts davon ist nur ansatzweise in Sicht. Ich bin 31 Jahre alt, studiert und berufstätig und fühle mich seit über drei Jahren von unserem Gesundheitssystem kläglich im Stich gelassen. Ich habe geschätzte Charakterzüge an mir verloren, ebenso Teile meines Stolzes und vor allem viel Geduld und Lebensfreude. Die Arbeit an derfilmtipp.de leidet darunter, mein Privatleben leidet noch viel mehr. Insgesamt geht es mir natürlich trotzdem gut. Ich versuche Ich zu sein und bin dankbar für Vieles. Mir ist völlig klar, anderen geht es noch viel beschissener und ich bin ganz bestimmt nur ein unbedeutender Teil des Ganzen, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich kein Einzelfall bin, macht mich das so wütend.

Ich kann nur jedem mit auf den Weg geben: Lasst euch nicht abspeisen, hakt nach, fragt und informiert euch. Lebt gesund, macht Sport und holt euch Unterstützung von Freunden und Familie. Traut keinem Arzt, der euch nach einem 5-Minuten-Gespräch Tabletten verschreibt. Holt euch falls machbar immer eine zweite Meinung und achtet bei den nächsten Wahlen ganz genau darauf, welchen Parteien wir diese Scheiße zu verdanken haben.

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

4 Kommentare on "Ärzte mit Grenzen: Allein im Labyrinth aus Schilddrüse und Bandscheibe"

  • Wow, vielen Dank für deinen offenen Bericht. Das klingt wirklich hart und du weißt ja, im Moment kann ich das wohl ziemlich gut nachempfinden.
    Ich selbst stelle nun auch fest, dass unsere Ärzte hier wohl alle Deppen, Pfuscher oder Quacksalber sind.
    Heute habe ich mit meinem Kollegen geredet, der meinte, in der Tat hatte er ähnliches wie ich. Erst war bei ihm ein Wirbel im Nacken eingeklemmt, er hatte verschwommene Bilder gesehen etc. Wie bei mir war das MRT und CTRwasweißich „positiv“ ausgefallen, aber was half das, wenn es ihm ja nicht besser geht? Er meinte er ging zur Osteopathie und da wurde ihm wirklich geholfen. Ich ziehe das nun auch in Erwägung, sehe aber nun noch ab, was der Neurologe am Freitag sagt.
    Also wenn du 50 Euro, etc. für Waschungen und Co. zahlst, dann nimm das Geld doch mal und investiere das in einen guten Osteopathen. Da kostet die Sitzung zwar 90 Euro (mehr oder weniger), aber die wissen was los ist und wer wei, vielleicht sparst du da noch Zeit und Geld.

    Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass es dir bald besser geht <3
    Es freut mich, dass ich dich inspiriert habe, allerdings macht es mich auch traurig, in welcher Weise dies geschah.

    Fühl dich gedrückt <3

    • Micha

      Du hast mich auch schon in anderen Bereichen inspiriert, keine Angst, Gina 😉 Danke dir für deinen ehrlichen Text und dein Feedback hier! Ich ziehe Osteopathie mittlerweile auch in Betracht. Es war leider im Moment noch nicht wirklich umsetzbar, aber da bleibe ich dran. Ich wünsche dir ebenfalls, dass sich bald endlich alles klärt. Es ist wie Kaugummi -.- Drück zurück, Liebe Grüße

  • Hey Micha,

    das ist echt derbe zu lesen. Und wie du sagst leider kein Einzelfall. Jeder, der schon einmal in irgendeiner Form mit zum Beispiel Depressionen zu tun hatte, wird dieses Kassengeklüngel, die „ach so fähigen“ Ärzte und die Wut, die das in einem weckt, unterschreiben. In Ermangelung passenderer Worte: Alles Gute!

    • Micha

      Hi Sebastian, danke dir für die Zustimmung! Mir ist natürlich klar, dass es in vielen anderen Ländern deutlich übler aussieht, aber sollten wir deshalb diesen Status hier akzeptieren? Ich mache das nicht mehr. Gerade für Bereiche wie Burnout und Depression muss das ein so undurchsichtiges Labyrinth sein, ekelhaft. Beste Grüße

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