Cloverfield: Ein Blick zurück auf J. J. Abrams‘ Marketing-Phänomen

Zum Thema Allgemein, Home, Monster von - Februar 02, 2016
Cloverfield: Ein Blick zurück auf J. J. Abrams‘ Marketing-Phänomen

MySpace-Freunde verschwinden spurlos

Januar 2008. Die New Yorker Hudson, Marlena, Jason, Lily und Beth planen eine Abschiedsparty für Jasons Bruder Rob. Dieser hat einen Job bei einem japanischen Unternehmen in Tokyo angenommen und hadert mit seiner Entscheidung. Seine Freunde möchten ihn aber ermutigen und laden öffentlich auf MySpace zur Abschiedsparty ein. Die Einladung erhält immer mehr Aufmerksamkeit. Die vier Freunde antworten auf alle Anfragen, interagieren wochenlang mit jedem, der ihnen schreibt und machen sogar ihre Netzgespräche untereinander öffentlich. Hud beginnt sogar zusammen mit seinen neuen „Fans“ einen interaktiven Comic zu gestalten. Am 18. Januar soll die Party für Rob steigen. Seit diesem Tag liegen alle Profil still. Keiner der fünf Freunde kam noch einmal online.

Bohrinsel-Katastrophe erst spät aufgedeckt

Kurz davor sorgt Anfang 2008 eine schockierende Nachricht weltweit für Furore. Zwischen dem 26. und 27. Dezember 2007 ist die Chuai-Bohrstation vor der US-Ostküste gesunken. Die Station gehörte einem der größten „Großunternehmen“ Japans, namens Tagruato, mit Sitz in Tokyo. Zum Zeitpunkt der Katastrophe befanden sich 355 Arbeiter an Bord. Erst zu Beginn 2008 kamen Videoaufnahmen an die Öffentlichkeit und machten international die Runde.

In einem deutschen Bericht erzählt Dominik Möltken, Zwickau Engineering, der Einsturz der Plattform, wie er auf den Aufnahmen zu sehen ist, sei physikalisch nicht möglich. Andere Experten vermuten eine paramilitärische Aktion, die vielleicht in Verbindung zu Tagruatos großer Privatarmee steht. Auf einer Handyaufnahme sind flüchtende Menschen zu sehen und Geschützfeuer zu hören. In einer italienischen Reportage sieht man eine Stellungsnahme von Tagruatos Pressesprecher Suzume Soga. Das Unternehmen vermutet die Öko-Aktivisten T.I.D.O Wave hinter dem Angriff, die Tagruato mit Slogans wie „Bleeding our planet dry since 1945“ anfeinden.

In weiteren Nachrichten aus Frankreich, Russland, Korea, Spanien und UK werden Skizzen einer Richterskala gezeigt. Eine gewisse Madama Leclerc, Mutter eines vermissten Arbeiters der Chuai Station, ärgert sich über mangelnde Informationen für Angehörige. Diese werden später in einer japanischen News aufgelistet. Ein russischer Sender zeigt eine längere Aufnahme von einem Rettungsboot. Ein Raunen hallt durch die Luft, kurz darauf fliegen Trümmerteile der gesunkenen Station aus dem Wasser. Ein englischer Bericht zeigt Schatten im Wasser, kurz bevor die Plattform kollabiert und vermutet austretendes Öl.

Tagruato und der seltsame Drink

Zu dem Unternehmen Tagruato gibt es eine Website, die zwar vorgaukelt in zig Sprachen angezeigt zu werden, letzten Endes dann aber nur auf Englisch erscheint. Dort erfahren wir alles über das Unternehmen, den C. E. O., Pressespiegel und weitere Produkte. Eines davon ist Slusho. Natürlich ebenfalls mit eigener Website. Zu diesem Getränk geisterte auch ein Werbespot durchs Netz. Irgendein Elch faselt etwas von einer verpassten Chance, die man wahrnehmen sollte. Am Ende taucht ein Affe auf. Schaut selbst. Ich formuliere das so flapsig, weil diese zwei Indizien später wichtig werden.

Plötzlich führt der Weg in die Filmwelt

Im Netz schrieb in einem Forum nämlich irgendwann ein User: „Mein Freund Andy hat eben für ein Projekt von JJ Abrams namens Cloverfield ein Werbe-Video gedreht. Und ja, das war ein lebensgroßer Elch.“ Zu dieser Zeit gab es aber verständlicherweise kaum Elch-Spots. Auf dem Forum Unifiction wurden Details zu dieser Aussage in einem Thread zusammengesucht und schnell tauchten immer mehr Zusammenhänge zu Mitarbeitern von Paramount Pictures auf. Der besagte User hatte u.a. einen Facebook-Freund namens Mickey Worsnup. Dessen Profilbild war zufälligerweise exakt der Affe, der am Ende des Slushos Spots auftaucht. Dann wurde es kurios. Nur Stunden nach dieser Entdeckung wurde das Profilbild von Mickey gelöscht.

So. Ein Projekt namens Cloverfield? Von Lost-Produzent JJ Abrams? Was hat das mit dem Getränk Slusho zu tun? Und in welcher Verbindung steht die Tagruato-Katastrophe dazu? Noch bevor man sich selbst an die Recherche machen konnte erschien die nächste News. In den Kinos wurde unangekündigt ein Trailer im Found Footage Stil vor Transformers gezeigt. Dieser zeigt junge Leute auf einer Dachparty. Kurz darauf wird eine große Explosion über Manhattan gezeigt. Trümmerteile prasseln auf die Stadt, inklusive des Kopfes der Freiheitsstatue. Der Filmtitel wurde nicht verraten. Nur der Name JJ Abrams und die Zahlen „1-18-08“.

Was kommt auf uns zu?

Die Privat-Detektive schlugen Alarm. „1-18-08“ steht für den 18. Januar in US-Schreibweise. Zufällig der Tag, an dem die fünf MySpace-Freunde Robs Abschiedsparty in Manhattan veranstalten wollten und spurlos verschwanden. Manhattan besaß während des kalten Krieges einen Codenamen beim Militär: Cloverfield. Manhattan liegt an der Ostküste. Also in der See, in der vor kurzem eine Bohrinsel sank. Die Bohrinsel eines großen japanischen Konzerns. Rob stand kurz vor einem Engagement bei einem japanischen Großkonzern. Und jetzt ratet mal was im Trailer auf der Abschiedsparty u.a. getrunken wird. Richtig, Slusho! Haderte Rob nicht mit einer Entscheidung? Und heißt es im Slusho-Spot nicht, man solle Chancen wahrnehmen? All diese ganzen (Fake)-News und Websites hingen also zusammen und trotzdem hatte der Zuschauer nicht den blassesten Schimmer, was ihn im Kino erwarten würde.

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

2 Kommentare on "Cloverfield: Ein Blick zurück auf J. J. Abrams‘ Marketing-Phänomen"

  • Sehr schön zusammengestellt!
    Das war ein wunderbares transmedielles Erlebnis. Mal schauen, ob wir im Falle von 10 Cloverfield Lane etwas vergleichbares haben werden (auch wenn die Zeit für so eine Alternate Reality Game langsam knapp wird).

    • Micha

      Ich würde es mir wünschen :) Mit John Goodman als Employee of the month wurde ja schon mal ein guter Start hingelegt!

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