Der Filmtipp: American Sniper – Sieg Kyle! Die große Lüge jetzt auch als Propaganda-Filmchen mit Hollywood-Liebling und tollen Poster-Sprüchen

Zum Thema Filmtipps, Home von - März 01, 2015
Der Filmtipp: American Sniper – Sieg Kyle! Die große Lüge jetzt auch als Propaganda-Filmchen mit Hollywood-Liebling und tollen Poster-Sprüchen
U.S.A! U.S.A! U.S…Oh, sorry. Hi Buddies! Kennt ihr Eddie Ray Routh? Eddie ist 27 Jahre alt und Ex-Soldat. Er wurde vor kurzem im US-Bundesstaat Texas zu lebenslanger Haft ohne Chancen auf Bewährung verurteilt. Wegen Mord. Vor rund zwei Jahren erschoss er Chad Littlefield und Chris Kyle. Eddies Problem, keiner kannte ihn. Sein Opfer Chris Kyle war (und ist) dummerweise ein amerikanischer Held. Ein ehemaliger Navy Seal, bekannt als „Legend“. Wir kennen ihn als American Sniper.
Chris Kyle tötete in seinen Irak-Einsätzen 255 Menschen, 160 davon verifiziert. US-Militärrekord. Bradley Cooper (Silver Linings, Serena, u.a.) verkörpert den gefeierten Nationalhelden nun in der Verfilmung seines Buches „American Sniper: The Autobiography of the Most Lethal Sniper in U.S. Military History“. Es geht um den Scharfschützen Chris Kyle, seine Einsätze im Irak und seine Probleme in der Heimat damit abzuschließen. Das Werk wurde sechsmal für den Oscar nominiert und gilt als finanziell erfolgreichster Kriegsfilm Amerikas. Er spaltet die Meinungslager, wie kein zweiter Film. Und er ist schlecht.
Wie bereits erwähnt wird Kyle vom moppeligen „Mr. Nice Guy“ Bradley Cooper als Inbegriff amerikanischer Ehrenbürger inszeniert. Ein texanischer Cowboy, der von seiner streng-christlich erzogenen Familie einen Beschützerinstinkt verpasst bekam. Nach einem Attentat auf zwei US-Botschaften in Ostafrika 1998 lässt er sich aus Pflichtgefühl zum Navy Seal rekrutieren. Was für ein Kerl. Sein Weg wird schnell und nicht gerade realistisch abgespult. Schwupps ist er bei den Seals. Mit 30 Jahren. Schwupps findet er noch schnell seine spätere Ehefrau, die Seals hasst, mit Alk und Charme aber sofort anbeißt. Schwupps kommt die Hochzeit. Schwupps kommt der Irak. Dazu noch schnell ein paar Bedenken, weil der kleine Bruder mit muss (nach ihm kräht später aber kein Hahn mehr).
„Clint, ich kann das so nicht sagen! Was? Ja ist ja gut.“
© Warner Bros.
Die Sichtweise des Films ist so beschränkt, wie das Fernrohr eines Sniper-Gewehrs. Und das ist pure Absicht, dazu später mehr. Kyles Ausbildung wird als hart angeschnitten, aber durch lockere Sprüche verharmlost. Kaum im Irak, „dem neuen Wilden Westen im alten Mittleren Osten“, wird schnell klar, dass alles was Amerika dort tut, gerechtfertigt ist. Kyle macht von Beginn an keine Fehler. Nicht einen! Jeder Schuss rettet Leben. Dieser These verleiht Clint Eastwood absolute Berechtigung durch Irakis („Wilde“) als das personifizierte Böse: Den Kollaborateur, „das Arschloch“, „den Schlächter“ und Mustafa, Kyles für den Film erfundenes, arabisches Pendant.
Im Buch schrieb unser Held „Es war meine Aufgabe, zu schießen und ich bereue es nicht. Meine Schüsse haben Amerikanern das Leben gerettet“, und ergänzte: „Ich bedauere nur, nicht noch mehr Feinde erschossen zu haben.“ Damit er ein Held bleibt wurde das Zitat für den Film schnell mal umgeschrieben. Dort wird Kyle folgendes sagen: „Ich bin bereit vor meinen Schöpfer zu treten und mich für jeden tödlichen Schuss zu verantworten. Was mich verfolgt sind all die, die ich nicht retten konnte.“ Ist das nicht rührend?
American Liar
Kyle bleibt im Film trotz Heldenstatus immer bescheiden. Was dort nicht mal erwähnt wird: In Wirklichkeit holte der Mann aus seinem Ruhm 1,6 Millionen verkaufte Biografie-Exemplare, eine TV-Dokusoap und Bronzestatuen in der Heimat. Was auch nicht auftaucht sind Kyles nachgewiesene Lügen. Die zwei Autoräuber, die er in Texas mal erwischt haben soll existierten nie, ebenso die 30 Plünderer in New Orleans, nach Hurrikan „Katrina“, die er vom Dach aus abgeschossen haben will. Die bekannteste Lüge: Kyle will Ex-Wrestler und Ex-Gouverneur Jesse Ventura in einer Kneipe k. o. geschlagen haben, als Strafe für negative Statements über die US-Truppen. Für diese Lüge erhielt Ventura vom Gericht 1,9 Millionen Dollar Schadensersatz. Übrigens wusstet ihr, dass ursprünglich Steven Spielberg den Film drehen sollte? Er wollte auch die arabische Seite mehr beleuchten. Das lehnten die Studios ab und nannten als Argument zu hohe Kosten. Spielberg stieg aus.
„Who wants to send a message to al-Quaida?“
Der Spiegelschreibt Coopers Darstellung von Kyle sei „besonders und zugleich beunruhigend“. Seth Rogen twitterte, der Film erinnere ihn an Nazi-Propaganda. Tatsächlich erinnert mich die konstant einseitige Perspektive an den fiktiven Nazi-Streifen „Der Stolz der Nation“ aus Quentin Tarantinos Inglorious Basterds. Dort ballert Deutschlands bester Schütze Fredrik Zoller (Daniel Brühl) den Gegner im Alleingang ab, von einem umzingelten Wachturm aus. Tarantino verarscht dort weltklasse, was Filme wie American Sniper oder auch Herz aus Stahl stumpf wie Brot tatsächlich abliefern. Einziger Unterschied, die Navy Seals schaffen das sogar während eines Sandsturms. Unbeschadet. Rechtspopulisten wie Sarah Palin sind begeistert.
Gott. Land. Familie. Hooyah!
Waffenfreund Eastwood gaukelt uns vor, sein Film zeige auch die negativen Seiten. Zum Beispiel als Kyles Bruder völlig verstört in den Flieger steigt und nach Hause will. Doch irgendwie wirkt es trotzdem so, als sei es ein Zeichen von Schwäche. Auch Kyles Probleme den Krieg in der Heimat zu verarbeiten werden nur angeschnitten durch Klischees, wie Traumata durch Gewehrgeräusche, oder Aggression. Wie er es am Ende schafft? Natürlich von selbst. Er hilft Veteranen, natürlich durch Tipps am Schießstand, ihr Selbstwertgefühl zu erneuern („Fühlt sich an, als hätte ich meine Eier wieder.“). Würg. Ernsthafte Herangehensweise an das vielleicht interessanteste Thema der ganze Sache? Null.
American Mobile. Ständig erreichbar. Zum Schwangertarif.
© Warner Bros. Pictures Germany
Inhaltlicher Bullshit wird hier durch gute Kamerafahrten und einen wirklich soliden Score wenigstens technisch noch aufgefangen. Sienna Miller wird als immerheulende Frau chronisch unterfordert. Bradley Cooper schafft es nur in wenigen Momenten echte Emotionen zu vermitteln. Auch aus neutraler Sicht ist der Film nur Durchschnitt und vier von sechs Oscar-Nominierungen ein echter Witz, wenn man bedenkt, dass Ralph Fiennes, Jake Gyllenhaal und Co. nicht mal bedacht wurden. Bei 60 Millionen Dollar Budget hätte man wenigstens ein echtes Baby zeigen können und nicht nur eine Puppe. Kein Witz! Der Trailer war gut. Joa. Der hat mir gefallen.
Fazit:
Versuchen wir mal für einen Moment der Wahrheit ins Auge zu sehen: Chris Kyle war ein Auftragskiller, kein Held. American Sniper ist pure Blendung. Eine republikanische Ideologie, verpackt in einem langatmigen Popcorn-Movie, in dem bärtige Vaterfiguren Kinder erschießen und trotzdem mit Flagge und Trompete beerdigt werden. Auf technischem Level durchaus sehenswert, doch die Erzählweise ist grober Unfug.
Übrigens: Dass Eddie Ray Routh – der Täter – unter posttraumatischer Belastungsstörung aus dem Irak-Krieg leide, kaufte die Jury ihm so nicht ab. Seiner paranoiden Störung sei vielmehr durch Alkohol und Drogen eine Psychose erwachsen. Über die Entscheidung des Strafmaßes wurde im selben Zeitraum verhandelt, in dem American Sniper in den Kinos anlief. Rouths Anwalt Warren St. John fragte damals den Hollywood-Reporter: „Kann es einen fairen Prozess geben?“

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

4 Kommentare on "Der Filmtipp: American Sniper – Sieg Kyle! Die große Lüge jetzt auch als Propaganda-Filmchen mit Hollywood-Liebling und tollen Poster-Sprüchen"

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>