Der Filmtipp: Her – Verliebt in eine Programmstimme? Traurig. Ehrlich. So gut.

Zum Thema Allgemein, Filmtipps, Home von - Mai 10, 2015
Der Filmtipp: Her – Verliebt in eine Programmstimme? Traurig. Ehrlich. So gut.

120 Minuten lang einem schnauzbärtigen Autor dabei zusehen, wie er mit seinem Handy und seinem Rechner spricht? So ausformuliert könnte das etwas andere Liebesdrama von Spike Jonze nicht abschreckender klingen. Aber Her ist eben etwas anders. Um das herauszufinden muss man diesen Film einfach gesehen haben.

 

 

Worum geht es überhaupt? Die nahe Zukunft. Theodore Twombly ist Briefautor und schreibt im Auftrag seiner Kunden einfühlsame Nachrichten, wie zum Beispiel Liebesbriefe, die er anschließend verschickt. Privat herrscht trister Stillstand. Die kommende Scheidung mit seiner langjährigen Jugendliebe Catherine belastet ihn. Gefühlsverwirrt trudelt er antriebslos durchs Leben. Nach peinlichen Dates und vielen Tagen der Einsamkeit kauft er sich das Betriebssystem OS, beantwortet ein paar Fragen und richtet eine weibliche Stimme namens Samantha ein. Schnell merkt er, dass seine Gefühle für die angenehme Frauenstimme stärker sind als erwartet. Und Samantha lernt dazu.

Mit YouPorn wäre ihm das nicht passiert.© Warner Bros.

Auf den ersten Blick wirkt der Streifen wie eine moderne Liebesgeschichte. Doch ihn so banal zu beschreiben würde ihm nicht gerecht werden. Er ist so viel mehr. Her ist ein fiktionaler Blick in die Zukunft, der wir näher zu sein scheinen als uns lieb ist. Es ist nicht nur das typische „Wir verfallen der Technologie“-Geschwafel. Im Gesamten wird klar, wie tieftraurig dieser Film ist. Menschen wie Theodore laufen Gefahr durch die Möglichkeiten und Unnötigkeiten des Fortschritts ausgeschlossen zu werden und den Halt zu verlieren. Das ist bitterer ernst und authentisch.

Romantik ist tot. Es lebe die Romantik!

– 

Allein der pastellschimmernde Farbfilter, der sich wie ein Tuch über die Story legt, stellt perfekt diese Scheinwelt dar, die uns Optimismus suggeriert (Bisschen Hipster-like, wie ich finde). Dabei ist es eigentlich die melancholische Botschaft einer verblassten Welt, die laut „Hilfe“ schreien möchte. Theodores blinde Liebe zu der körperlosen Freundin ist nur eines von vielen Symbolen. Dass sein Freundeskreis die eigentlich bizarre Beziehung sofort akzeptiert und „normal“ behandelt ist ebenfalls kein Drehbuchfehler, sondern symbolisch. Mal ganz abgesehen davon, dass Theodores Liebesbrief-Ghostwriter-Branche offensichtlich boomt.

Der romantische Kern zerbricht nach und nach. Anstatt dies wahrzunehmen verschwimmt Theodore wie so viele mit der alternativen Welt. Durch die sanfte, freundliche, sexy-freche Stimme, die auf alle Bedürfnisse eingeht. Luise Helm, Scarlett Johanssons deutsche Synchro-Stimme, wirkt so nett und perfekt, der Zuschauer läuft ebenfalls Gefahr sich in der Scheinrealität zu verlieren. Sie ist einach zu sympathisch. Und sie ist eben mehr als Siri und Google Glas, sie lernt, sie ist kreativ, emotional, sie hinterfragt, wird eifersüchtig, spendet Trost, will Sex und entwickelt Sehnsucht nach einem eigenen Körper. Mit jedem Gespräch entfernt sich der Eindruck von künstlicher Intelligenz mehr und mehr. Ist sie so programmiert? Oder entwickelt sich die K.I. tatsächlich weiter? Diese Frage bleibt bewusst ungeklärt.

Kommt für einen ungeselligen Kerl gut rum, der Theo. © Warner Bros.

Joaquin Phoenix (Gladiator, Walk The Line, u.a.) legt mit der Figur Theodore eine Glanzleistung hin. Er ist und bleibt einer der besten Charakterdarsteller unserer Zeit. Mit jeder Mimik, jedem Wort und jeder Bewegung zimmert er uns den vernetzten, zerfahrenen Romantiker, der den Blick für das „echte“ Leben da draußen verliert, ins Gehirn. Das zeigt noch lange nach dem Film Wirkung und macht nachdenklich. Noch dazu ist der Film gespickt mit klasse Nebendarstellern wie Amy Adams, Chris Pratt, Olivia Wild oder Rooney Mara. Letztere ist deshalb hervorzuheben, weil sie mit Catherine das warnende Ausrufezeichen darstellt, welches Theodore – und damit auch uns – an die Idiotie „erinnert“.

„Es ist verrückt sich zu verlieben.
Es ist wie eine Art gesellschaftsfähiger Geisteskrankheit.“

Regisseur Spike Jonze schrieb auch das Originaldrehbuch, welches für seine originelle und intelligente Erzählweise völlig zurecht mit dem Oscar prämiert wurde. Her ist eine grausame Utopie, in der wir gefühlsbetonter, echter Liebe beim Sterben zusehen und das dank Samantha zwischendurch sogar hinnehmen. Nicht falsch verstehen, Samantha ist hier nicht die „Böse“ der Story, sie beschreibt vielmehr die andere Seite, die ebenfalls zu „leiden“ hat unter den erschaffenen Umständen.

Fazit

Her ist beeindruckend und traumatisch zugleich. Mit viel Wärme und Liebe zum Detail wird uns eine im Kern ernüchternde Charakterstudie offenbart. Den Machern ist es hoch anzurechnen, dass sowohl auf Happy End, als auch auf totale Ausweglosigkeit verzichtet wird. Es macht sich sogar Hoffnung breit. Ohne zu viel spoilern zu wollen: die Szene in der Theodore auf einer Parkbank sitzt und hinter ihm eine Eule auf einer riesigen LED nach ihm greift ist die vielleicht beste Metapher des Films. Ganz großes Kino!

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>