Der Filmtipp: Victoria – Viva la Kamera! Deutschlands spannender Film des Jahres

Zum Thema Allgemein, Filmtipps, Home von - November 23, 2015
Der Filmtipp: Victoria – Viva la Kamera! Deutschlands spannender Film des Jahres

2014 hat mir endlich wieder Lust auf deutsches Kino bereitet. Stereo und Who Am I lieferten damals überraschend gut ab. Da freut es mich umso mehr, dass auch in diesem Jahr mit Victoria ein Monster von Genrefilm präsentiert wurde. Wie der Zufall wo will hat der Berlinthriller technische Ähnlichkeit zu Birdman, dem Oscargewinner aus dem selben Kinojahr. Er macht seine Arbeit aber sogar besser.

 

Worum geht es überhaupt? Spanierin Victoria ist seit drei Monaten in Berlin. Sie ist allein, spricht noch kein Deutsch und jobbt in einem kleinen Café. Eines Tages schmeißt sie sich auf der Suche nach Kontakten noch vor ihrer Frühschicht in die Berliner Nachtszene und lernt dort prompt vier Jungs kennen. In den nächsten 2 Stunden sollte sich ihr Leben völlig ändern.

Als Freund der Techno-Szene holt mich der Film schon beim Intro ab. Victorias Silhouette tanzt dort zu hypnotisch-technoider Musik. Das Lichtflackern penetriert das Auge bis nach und nach Licht und Farben auf die Titelfigur fallen. Ein toller Wurf ins Geschehen. Von dort an geht es los. 140 Minuten lang, ungeschnitten. Alles was in diesem Film passiert, wurde in einem Take aufgenommen und durchgespielt. Vieles von den Darstellern improvisiert. Regisseur Sebastian Schipper, der sonst eher als Schauspieler (Der englische Patient, Tatort, u.a.) auffällt, ließ insgesamt dreimal alles durchlaufen. Mit sechs Regieassistenten und drei verschiedenen Teams für den Ton.

Dabei lässt sich Schipper viel Zeit für die Charakterzeichnung, weshalb Victoria  – im Ausland übrigens My Name is Victoria – ein bisschen braucht, bis mal etwas passiert. Das Tempo steigert sich aber nach und nach und die Spannung wird die ganze Zeit nett hervorgekitzelt. Hierbei helfen vor allem die nur angedeuteten Hintergrundgeschichten der fünf Jungs. Die ganze Zeit beschleicht einen das Gefühl, jeden Moment passiert etwas.

140 Minuten Berlin
Das Meisterwerk des Kameramanns

Kameramann Sturla Brandt Grøvlen aus Norwegen zelebriert seine anspruchsvolle Aufgabe geradezu. Während der 140 Minuten lässt er die Figuren praktisch nicht aus dem Auge. Mal nah am Gesicht, mal als Beobachter. Und trotz allem schafft er es dieses typische Gefühl zu vermitteln, das Berlin ausmacht. Atmosphärisch natürlich stark unterstützt vom Berliner Morgen. Victoria wurde am April 2014 zwischen 4:30 und 7 Uhr in Kreuzberg und Mitte gedreht. Anfangs haben wir noch Dunkelheit und Musik von DJ Koze, später ein Klavier im Café und Vogelgezwitscher bei Morgendämmerung – während Schießereien und Hetzjagten. Pervers, aber irgendwie authentisch.

Abgerundet wird das Hauptstadtgefühl fast schon trashig durch Hipsternamen wie „Sonne“, „Fuß“ & „Boxer“. Und Victoria? Laia Costa wirkt in ihrer Rolle sehr fokussiert. Die 30-jährige Spanierin überzeugt in jeder Einstellung und ist eine echte Entdeckung. Was will man von einer Frau auch anderes erwarten, die im spanischen Theater komplett Deutsch spricht, dann mal eben in einem russischen Film mitwirkt um kurz danach in einer deutschen Produktion komplett auf Englisch zu spielen? Zwar nervt die Naivität ihrer Figur ein bisschen, aber was soll’s. Manchmal ist der Mensch halt doof.

Ihr Gegenüber, Frederick Lau, muss sich auch nicht verstecken, ebenso seine Mitstreiter. Wirklich eine sympathische, wie auch interessante und schwer zu durchschauende Truppe. Und tatsächlich schafft der Film es zu einem versöhnlichen Ende zu kommen, welches zwar ein paar Handlungsstränge offen lässt – Victorias Reise durch Berlin aber stimmig beendet. Insgesamt tolle Arbeit! Umso mehr freut es mich, dass diese mutige Produktion mit Filmpreisen und guten Kritiken überschüttet wurde. Deutsches Genrekino ist tot. Es lebe das deutsche Genrekino.

Fazit

Victoria ist technisch gesehen ein Kunstgriff mit tollen Bildern, super Sounduntermaltung und einer Kameraarbeit, die es so in unserem Land noch nicht gab. Zum Glück bietet die Story aber auch spannende Elemente, die von gut aufgelegten Darstellern inszeniert werden. Ein paar Produktionen habe ich noch auf meiner Liste, aber so far: Deutschlands bester Beitrag 2015.

Dieser Film könnte Dich interessieren, wenn du Who Am I oder Lola rennt gesehen hast. Meine krittiq gibt’s HIER.

Bilder: © Senator/Central

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

2 Kommentare on "Der Filmtipp: Victoria – Viva la Kamera! Deutschlands spannender Film des Jahres"

  • „Technische Ähnlichkeit zu BIRDMAN“ finde ich eine schwierige Formulierung. Man muss da schon unterscheiden: Bei BIRDMAN hat es den Eindruck, alles wäre in einem Rutsch gedreht, aber es wurde getrickst, wo es nur ging. Anders wären auch die Szenen in denen Birdman Riggan verfolgt (beides von Michael Keaton gespielt) auch gar nicht möglich gewesen. Bei VICTORIA konnte man nicht tricksen. Es ist ein One-Take.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/04/11/victoria-2015/

  • Volle Zustimmung. Endlich wirklich mal gutes deutsches Kino, das technisch gesehen sogar noch besser ist als BIRDMAN. Da wurde ja wirklich ein bisschen geschummelt, hier in „Victoria“ nicht 😀
    Was der Kamera-Mann hier geleistet hat, ist wirklich bemerkenswert… die haben das Ganze ja irgendwie dreimal durchgemacht… und Schipper selbst hat in einem Interview ja gesagt, dass sie es zur Not dann einfach mit ein paar Schnitten gemacht hätten. Wäre immer noch cool gewesen 😀

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