Der Filmtipp: Gone Girl demonstriert Ehe-Terror – düster, bissig, oscarverdächtig!

Zum Thema Filmtipps, Home von - Oktober 07, 2014
Der Filmtipp: Gone Girl demonstriert Ehe-Terror – düster, bissig, oscarverdächtig!
Intro: Seine Hände streichen durch ihr Haar, sie blickt ihn an. Er stellt sich vor wie es wäre ihr den Schädel einzuschlagen und fragt: „Was haben wir uns angetan?“ Wenn ein Film zu Ende ist und das Publikum mit einem spürbar mulmigen Gefühl den Saal verlässt, dann war der Film entweder enttäuschend oder aber aufwühlend. David Fincher (Fight Club, Sieben, u.a.) hat mit Gone Girleinen Thriller geschaffen, der definitiv im Gedächtnis bleibt und meiner Meinung nach der bislang beste Film des Jahres 2014 ist. Wenn es für dieses Meisterwerk keine Preise gibt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.
Viel darf einfach nicht verraten werden, ich versuche Euch trotzdem kurz den Handlungsrahmen zu erläutern: An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy Dunne spurlos. Ehemann Nick alarmiert Polizei und Medien. Ein Fehler, denn lange kann er die Fassade, seine Ehe mit Amy sei glücklich gewesen, nicht aufrecht halten. Die Notizen seiner Ehefrau und sein seltsames Verhalten lassen ihn nach und nach zum Tatverdächtigen mutieren. Leute, lasst Euch nicht vom nichtssagenden Titel abschrecken und guckt diesen Film einfach! Er ist so viel besser als alle Turtles, Sex Tapes und Draculas dieser Welt.
Gone Girl – Das perfekte Opfer wurde 2012 das zweiterfolgreichste Buch hinter Fifty Shades of Grey. Zum Glück durfte Autorin Gillian Flynn selbst das Drehbuch zur Verfilmung schreiben. Ich habe das Buch zwar nicht gelesen – noch nicht – aber wenn man Kommentaren und Kritikern glauben darf, dann hat sie gewisse intensivere Filmszenen der Story hinzugedichtet. Auf David Fincher zugeschnitten möchte man meinen. Mich jedenfalls stört das keineswegs, denn ich wurde die vollen zweieinhalb Stunden bestens unterhalten.
Erschreckend. Gut. Rosamund Pike.
Es ist eine Schande, dass Rosamund Pike (The World’s End, Stolz und Vorurteil, u.a.) mehr oder weniger nur die 6. Oder 7. Wahl war. Jedenfalls fielen lange vor ihr Namen wie Natalie Portman, Jessica Chastain, Charlize Theron, Emily Blunt, Abbie Cornish, Olivia Wilde und Julianne Hough. Vor allem Portman, Chastain und Blunt schätze ich sehr, aber sie hätten es niemals so hinbekommen wie Pike. Sie reißt einen mit und spielt ihre „Amazing Amy“ so intensiv, dass es beängstigend und faszinierend zugleich ist. Wenn diese Frau keine Oscar-Nominierung erhält, wer denn bitte dann?
© 20th Century Fox
Auch Ben Affleck spielt elektrisierend. Gegen diese emotionale Rosamund Pike kommt er nicht an, trotzdem macht seine charmante, aber irgendwie seelenlose und nüchterne Figur neugierig und sorgt für die nötigen Fragezeichen über den Zuschauerköpfen. In den Nebenrollen gefallen mir vor allem die noch weitestgehend unbekannten Gesichter. Da wären zum Beispiel Patrick Fugit und Kim Dickens (Hollow Man, The Blind Side, u.a.) als hoch interessantes Ermittler-Duo sowie Tyler Perry als zynischer Star-Anwalt und Carrie Coon als Nicks treue Schwester. Super Dialoge, die den Film gut begleiten. Schon in meiner Monats-Preview habe ich Gone Girl auf Platz 1 gesetzt und damit habe ich (schulterklopf!) absolut richtig gelegen.
Großes Kino aller Beteiligten
Bei weiteren Nebenrollen muss ich schon sagen, dass die Auswahl schlitzohrig ist. Neil Patrick Harris dürfte alleine durch seinen Erfolg als Barney Stinson in How I Met Your Mother weitere Zuschauer in die Kinos locken. Er macht seine Sache als Amys zwielichtiger Schulfreund auch wirklich gut, leider stellt sich den ganzen Film über trotzdem nicht das Gefühl ein, man sehe noch immer Barney vor sich. Vielleicht liegt es an der deutschen Synchronisation. Für die Männer/Fashionwelt wurde zudem Model Emily Ratajkowski engagiert, die den meisten als Nackedei in Robin Thickes „Blurred Lines“ bekannt sein dürfte. Auch hier darf sie kurz blankziehen.
„Team Fincher“ sollte noch viele Filme zusammen machen. Warum „Team Fincher“? Da wäre zum einen Jeff Cronenweth (auch bei Fight Club), dessen Kameraarbeit schon in Verblendung und The Social Network oscarnominiert wurde. Auch dieses Mal hält er brutal nah auf Gesichter und dann drauf, wenn andere lieber wegschauen. Die perfekten Schnitte stammen vom zweifachen Oscargewinner Kirk Baxter (ebenfalls Verblendung und The Social Network), der zudem noch für Derseltsame Fall des Benjamin Button nominiert war. Das ganz große Plus ist dieses Mal aber der Score von Nine Inch Nails Mastermind Trent Reznor. Gerade in den „heftigen“ Augenblicken durchbohrt sein wummernder Sound die Nerven. Gänsehaut pur!

© 20th Century Fox

Es tut mir leid, ich kann Euch keine Szenen-Beispiele nennen, weil ich Euch einfach nichts verraten möchte. Ich kann Euch sagen, dass der Film nicht ganz unblutig ist und einige Momente nichts für Zuschauer mit schwachen Nerven sind. Auf der anderen Seite gelingt es Fincher kleine Happen Medien- und Vorstadtsatire mit einfließen zu lassen, ohne, dass sie störend zum depressiven Gesamtkontext wirken. Wer Fincher-Werke wie Sieben, Verblendung oder Alien³ kennt, der wird am ehesten wissen, was ich meine.

Fazit: Gone Girl ist ein depressiver, atmosphärisch dichter und bitterböser Thriller, der die Zuschauer (vor allem Pärchen) mit einem faden Beigeschmack aus dem Kinosaal entlässt. Weit heftiger als nur ein Beziehungsdrama. Ich bin völlig begeistert! Rosamund Pike ist schlichtweg fantastisch in ihrer Rolle und auch Ben Affleck überzeugt mich voll und ganz. Technisch wird hier alles richtig gemacht, der Score geht unter die Haut. Wer auf viele üble Überraschungen, Zynismus und düstere Optik steht, dem kann ich den Film nur wärmstens empfehlen. Und auch sonst jedem!

 

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

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