#Horrorctober 2016 – Teil 2: Blair Witch (2016) – Laute Hexenjagd nach alten Stärken

Zum Thema Allgemein, Blogparaden, Filmtipps, FoundFootage, Home von - Oktober 20, 2016
#Horrorctober 2016 – Teil 2: Blair Witch (2016) – Laute Hexenjagd nach alten Stärken

Vor 17 Jahren verschwanden die Dokumentarfilmer Heather, Josh und Michael spurlos. Lediglich gefundenes Filmmaterial zeigt, wie sie sich bei dem Versuch einen Film über die Legende der Blair Hexe zu drehen, im Black Hill Forest verirren. Heathers Bruder James findet die Aufnahmen auf YouTube und startet mit einer Gruppe von Freunden einen letzten Versuch seine Schwester zu finden.

 

Menschliche Urängste: Kein leichtes Spiel

Stellt euch vor ihr zeltet in einem Wald, in dem ihr euch verlaufen habt. Es ist Nacht und plötzlich hört ihr Kinderlachen, Äste knacken, etwas schüttelt an eurem Zelt und von weitem hört man eine Männerstimme vor Schmerz schreien. Am nächsten Tag liegen Voodoo-Symbole aus Geäst vor euren Zelten, ihr seht kleine Steinhaufen und in einem Bündel Taschentücher liegt eine abgetrennte Daumenkuppe. Das Blair Witch Project hat 1999 komplett auf Effekte verzichtet und mit den simpelsten Urängsten der Menschen den Terror auf die Spitze getrieben. Dunkelheit, Orientierungsverlust, Verfolgungswahn – der perfekte Horror. Im Sequel wird noch einmal zugelegt. Wieder ist der Wald nachts einfach schrecklich gruselig inszeniert. Dieses Mal wimmelt es von den mysteriösen Symbolen, ein Zelt wird in die Luft gerissen, Bäume brechen und Richtung Ende wird sogar noch Klaustrophobie hervorgekitzelt – die Angst steckenzubleiben. Whoa!

Leider ist das nicht alles. Zu den wirklich haarsträubenden Elementen gesellen sich unnötiges Monstergebrüll und Gewürm, dass sich in offene Wunden einnistet, während die Verletzte unnatürlich stark wird. Statt Geräuschen aus der Ferne knallt es nun, als würde nebenan Godzilla schnarchen. Das ist leider viel zu viel des Bösen.

Die Gesetze des gefundenen Filmmaterials

Neben den angesprochenen Stärken des Blair Witch Projects waren es auch die Found Footage Elemente, die damals neu waren und den Hype befeuerten. Über virales Marketing wurde vorgegaukelt die Aufnahmen seien echt und das Netz drehte durch. Später musste im Film diese Authentizität gewahrt werden. Found Footage ist nämlich eben nicht stumpfe Geldmacherei. Wenn natürliche unbekannte Gesichter, miese Bildqualität, amateurhafte Kameraführung, scheinbar ungescriptete Dialoge und simple Horrorzutaten richtig gemixt werden, erzeugt das wahren Grusel – die Gaukelei echt zu sein.

Irgendwo habe ich gelesen „dem Gegenwartszuschauer kann solcher Budenzauber eigentlich nur kalt lassen“, dem widerspreche ich komplett. Warum? Tja. In Blair Witch bekommen wir Funkgeräte, HD-Kameras, Dronen und vieles mehr serviert. Unzählige Kameraeinstellungen, in Topqualität, beliebig wechselnd. DAS ist schädigend, denn es raubt dieses mittlerweile alternative Gefühl von Authentizität. Diesen Plot zu modernisieren für die YouTube-Generation war ein Fehler, den ich nicht verzeihe.

Alle suchen Heather Donahue – zurecht!

Als Heather zusammen mit Josh und Michael vor 17 Jahren in die Wälder aufbrach, wusste jeder, dass die drei wirklich Heather, Josh und Michael heißen. Als Darsteller waren sie zudem völlig unbekannt. Lauschte man mit diesem Eindruck ihren teils belanglosen (improvisierten) Gesprächen und Streitereien, fühlte sich das einfach echt an. Blair Witch liefert uns dagegen leider Nebendarsteller aus The Walking Dead, Machete Kills oder Scrubs. Auch hier wird der ganzen Sache also Substanz entzogen. War #teamheather noch sympathisch, wirken die neuen Figuren eher langweilig, klischeebesetzt und tiefenlos. Ausgerechnet die beiden Hauptdarsteller harmonieren überhaupt nicht. Schlimm ist das nur bedingt, weil hier der Horror im Vordergrund steht und meist gut davon ablenkt.

Verhext: Was übrig bleibt vom Blair-Kult

Regisseur Adam Wingard und Drehbuchautor Simon Barrett haben mit S-V/H/S bereits gute Horrorideen geliefert und mit The Guest einen phänomenalen Kult-Thriller geschaffen. Ich habe überhaupt keine Angst, dass die Karriere der beiden einknickt. So schlimm ist Blair Witch insgesamt ja auch gar nicht, sondern lediglich dann, wenn der Vergleich zum Original gezogen wird und der Film durch die Found Footage Checkliste läuft. Erklärungen und Aufdeckungen wären beispielsweise Bullshit gewesen, insofern: Gut gemacht! Aber mussten gleich so viele neue Details auftauchen? Je mehr Neues wir sehen, desto mehr besteht das Risiko für Logiklücken und Unzufriedenheit. Was war das für ein Vieh im Fuß? Woher das grelle Licht? Wer erzeugt dieses Brüllen? Warum Zeitverschiebung? Wieso nur noch Dunkelheit? Und wer hat das Schild geschrieben? Usw. usw…

Wir befinden uns ja im Found Footage Genre, also: Wer soll diese Tapes gefunden haben? Wer hat diese ganzen Aufnahmen so zusammengeschnitten? Hier gibt es leider nochmal Abzüge, denn das ist schlicht und ergreifend sinnfrei. Schlimmer wären nur noch Filmmusik und Schnitte gewesen. Dafür hat das Marketing wieder nett zugeschlagen und uns mit The Woods (was für ein Trailer!) lange an der langen Nase herumgeführt. Das Filmposter hat sich dann schwupps von gruseligen Bäumen in das Blair Witch typische Voodoo-Logo aus Geäst verwandelt. Noch immer nett anzusehen, auch wenn das Versprechen „Einer der gruseligsten Filme, die jemals gemacht wurden“ nicht eingehalten wurde.

Fazit

Blair Witch liefert Licht und Schatten und das ist sowohl wortwörtlich als auch sinnbildlich gemeint. Immer dann, wenn sich der Film auf die Stärken seines Vorgängers besinnt, ist er tatsächlich angsteinflößend. Er scheitert immer nur am Zwang seiner Macher, den Terror steigern zu wollen. Insgesamt wurde ich gut unterhalten, die offensichtlichen Probleme sind aber leider nicht zu übersehen.

Das sagen andere Filmexperten:

Der Cineast:
BLAIR WITCH ist laut und tumb, aber in seinem unbedingten Willen ein Fest blanken Terrors zu erzeugen auch ungemein effektiv und haarsträubend spannend inszeniert.

Die Nacht der lebenden Texte:
Wingard und sein Stamm-Drehbuchautor Simon Barrett verzichten darauf, den Mythos der Hexe von Blair zu entschlüsseln. (…) Etwas zu oft wartet man als Zuschauer auf den nächsten Jump-Scare und das nächste Erschrecken.

CinemaForever:
Blair Witch ist insgesamt solide Horrorkost, die aufgrund des höheren Budgets zwar visuell mehr bietet als das Original, jedoch auf inhaltlicher Ebene durchweg enttäuscht.

Ähnliche Filme: Blair Witch Project (1999), Evidence (2011), Die vierte Art (2009)

Horrorctober 2016 – Teil 3: The Neon Demon (2016)

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

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