Raum: Schockierend, wichtig, gut! Zwei Nobodies gegen die Selbstverständlichkeit

Zum Thema Allgemein, Filmtipps, Home von - März 24, 2016
Raum: Schockierend, wichtig, gut! Zwei Nobodies gegen die Selbstverständlichkeit

Raum. Ein Filmtitel so simpel, ein Film so umwerfend. Der neue Streifen von Frank-Regisseur Lenny Abrahamson (Frank, u.a.) erzählt auf eine erschütternde, aber lebensbejahende Art und Weise die unzerstörbare Liebe zwischen einer Mutter und ihrem Kind, unter den unmenschlichsten Umständen, die man sich vorstellen kann. Versteht den Text bitte nicht nur als Filmkritik, sondern als Appell. Dass viele Kinos ihn ignorieren ist eine Schande. Spart woanders, schaut ihn euch an!

Worum geht es überhaupt? Joy wurde vor sieben Jahren von einem Mann, den sie nur als „Old Nick“ kennt, entführt. Seitdem ist sie gefangen in einer 8m² großen Hütte in Old Nicks Hinterhof. Joys einziges Glück im Leben ist ihr Sohn Jack, den sie während ihrer Gefangenschaft bekommen hat. Jack weiß nicht, dass Joys Peiniger sein Vater ist und er kennt auch keine andere Welt als diese 8m². An seinem fünften Geburtstag wird seine Welt aus allen Fugen gerissen.



Es ist deutlich zu erkennen: Raum ist inspiriert von den Fällen Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl. Regisseur Lenny Abrahamson gelingt dabei aber ein ganz besonderes Kunststück. Er vermeidet das abartig Böse in den Vordergrund zu stellen und baut es lediglich als immer präsenten Umstand ein. Damit verzichtet er auf eben die Sensationsgeilheit, die im Film durch kleinere Medienschelten aufgegriffen wird. Der Fokus liegt dagegen auf einer unzerstörbaren Mutterliebe. Zu keiner Minute wird der Film dadurch kitschig. Er ist bedrückend.

„Gute Nacht Stuhl, gute Nacht Wand, gute Nacht Raum.“

Raum nimmt dem Zuschauer alle Gefühle von Selbstverständlichkeit. Wir beobachten, wie Joy seelisch zugrunde geht und praktisch nur noch für Jack funktioniert. Selbst oder gerade in Momenten scheinbarer Freiheit kann sie sich nicht mehr an Normalität gewöhnen. Räumlich gefangen oder gefangen fühlen – für Joy ist das kein Unterschied mehr. Dem gegenüber steht der 5-jährige Jack. „Raum“ ist nicht nur sein Zuhause. Er ist sein Leben. Daher personalisiert er Raum auch. Wir beobachten durch Kinderaugen wie 8m² den Horizont vernichten.

Kameramann Danny Cohen fängt genau das perfekt ein. Er nutzt Boden, Wände und Decke perfekt. Mehr Platz gönnt auch er sich nicht. Immer dann, wenn Jack im Fokus ist werden uns die Szenen so gezeigt, als Sei „Raum“ eine kleine Welt. Wenn wir „Ma“ sehen, so nennt Jack seine Mutter, wirkt alles eng, trist und bedrohlich. Nach der Hälfte des Film ändern sich dann plötzlich Setting und Umfeld. Wo ein stereotypisches Ende zu kommen scheint, erweitert Raum sich selbst einfach nochmal um eine Stunde und zeichnet ein Bild von den seelischen Überresten nach der Katastrophe.



Brie Larson verkörpert in der ersten Hälfte des Films die vom Leben gezeichnete „Ma“ absolut authentisch. Dafür verschwanden ein paar Kilos und als Vorbereitung auf die Rolle widersetzte sie sich einen Monat lang dem Tageslicht so gut es eben ging. Abgesehen von den Äußerlichkeiten „schauspielert“ sie in jeder Sekunde, von Körperhaltung bis Augenspiel, auf Weltniveau. Hass, Hoffnungslosigkeit, Mut und vor allem Liebe wechseln sich bei ihr gekonnt ab. Gerade in der zweiten Hälfte überragt sie dann, wenn sie beim Kampf ihren Sohn ins Leben zu holen selbst an Zweifeln, Wut und Angst zu zerbrechen droht. Diese Saison gab es einfach keine bessere Leistung einer weiblichen Hauptdarstellerin und ich wage zu bezweifeln, dass das 2016 noch eine Dame toppt.

Was mich aber wirklich umgehauen hat, war der historische Auftritt des damals 8-jährigen Jacob Tremblay. Kinderrollen sind häufig mein Vietnam, doch dieser kleine Held übertrumpft fast alles, was ich im vergangenen Jahr gesehen habe. Ein 5 Jahre altes Kind, das in 8qm geboren und erzogen wird, welches nicht weiß, das Bäume, Wald und Wiesen real sind. Das seinen Vater nicht kennt, aber im selben Raum ist, wenn dieser „Ma“ misshandelt. Das alles soll ein 8-Jähriger spielen. Und Jacob tut es. Und wie! So viele geniale Momente. Der erste Blick in den freien Himmel, die Wut als „Ma“ versucht ihm die Wahrheit zu gestehen, jeder emotionale Moment. Weltklasse.


Fazit

Room ist ein bitterböses Drama mit dem einen oder anderen Schlag auf Magengrube und Tränendrüse. Er ist aber auch hochmotivierend und märchenhaft schön. Die Beziehung zwischen Joy und ihrem Sohn ist zwar der einzige Punkt, der in „Raum“ wirklich zu Ende erzählt wird, aber das entschuldige ich. Fälle wie dieser haben viel Thriller-Psychohorror-Potenzial. Ich bewundere den Mut, komplett darauf zu verzichten. Hier geht es um die Wichtigkeit bedingungsloser Liebe und darum, das Leben schätzen zu lernen. Wer nach diesem Film seine Mutter nicht umarmt, hat ihn eventuell nicht verstanden.

Dieser Film könnte dich interessieren, wenn du The Road oder 3096 Tage gesehen hast. Meine krittiq zu Raum findest du HIER.

 

Bilder: © Universal Pictures International Germany GmbH

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

2 Kommentare on "Raum: Schockierend, wichtig, gut! Zwei Nobodies gegen die Selbstverständlichkeit"

  • Im ersten Moment dachte ich, du hättest bei mir abgeschrieben, weil die übereinstimmende Begeisterung so frappierend ist. Aber im Ernst: Du hast vollkommen Recht. Der Film sollte in viel mehr Kinos laufen. Am 28. Juli, wenn die DVD in den Handel kommt, hat wirklich keiner mehr eine Entschuldigung, diesen Film nicht zu sehen. Es gibt wirklich wenig Filme, denen ich die volle Punktzahl gebe, aber dieser Film hat es echt verdient.

    • Micha

      Absolut! Du hast völlig recht! Ich habe abgeschrieben 😉 Nein, Spaß! Aber dieser Film ist tatsächlich so sehenswert wie kaum ein anderer dieses Jahr. Hat mich unglaublich berührt und interessanterweise die zweite Hälfte noch stärker als die erste. Ein wirklich in allen Punkten perfektes Erlebnis!

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