The Revenant – Der Rückkehrer: Schönes Rachemärchen ohne Drive

Zum Thema Allgemein, Filmtipps, Home von - Januar 11, 2016
The Revenant – Der Rückkehrer: Schönes Rachemärchen ohne Drive

In der vergangenen Nacht hat The Revenant – Der Rückkehrer mit Leonardo DiCaprio und Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu plus der Kategorie „Bester Film Drama“ die drei wichtigsten Preise bei den Golden Globes abgestaubt. Jeder will jetzt endlich den Oscar für DiCaprio, doch bei all der positiven Resonanz muss ich leider den Spaßverderber spielen. Der Film ist exakt das, was ich für „Oscarbaiting“ halte.


Worum geht es überhaupt?
Trapper Hugh Glass befindet sich zusammen mit seinem indianischen Sohn Hawk auf einer Expedition in den kalten Wäldern der Nordgrenzen Amerikas. Der Kampf um Tierfelle und gegen Indianerangriffe erschwert die Arbeit. Nach einer Bärenattacke wird Glass vermeintlich tödlich verletzt und von seiner Crew zum Sterben zurückgelassen. Vorher muss er noch mit ansehen, wie der Söldner John Fitzgerald Hawk ersticht. Doch Glass überlebt. Sein Ziel: Rache. Dafür muss er allerdings alleine und ohne Hilfsmittel 350 Meilen der lebensbedrohlichen Wildnis durchqueren
.



Das Drehbuch an sich schenkt uns erst mal keine großartig innovative Story. Es geht, möchte man sie banal zusammenfassen, um Rache. Mit kleinen Storylines habe ich auch kein Problem, wenn sie filmisch gut verpackt sind. Tatsächlich gibt sich Regisseur Inarritu sichtbar Mühe, diese Verpackung so gut wie möglich auf die Leinwand zu übertragen. Mich holt er dabei leider nur in den technischen Punkten ab.

Leonardo DiCaprio spielt die Rolle des wortkargen Trappers Glass einfach grandios, mit einer enormen Spielfreude. Dagegen kann man nichts sagen. Der Mann schafft es einfach immer wieder so viel Emotion und Tiefe in sein Schauspiel zu legen, dass einen das Gefühl beschleicht er lebe diese Rolle. Das macht ihm kaum einer nach. Die körperlichen und seelischen Qualen vermittelt er durch jede Bewegung und jeden Blick. Absolut authentisch. Der Zuschauer leidet mit ihm. Fast noch besser gefällt mir Tom Hardy, der sich mit Wortkargheit aus Mad Max: Fury Road und The Drop ja bestens auskennt. Dabei redet und nuschelt er sogar noch mehr als Leo. Das perfide an seiner Figur ist diese trockene auf Überleben reduzierte Logik, die ihn für mich zur menschlichsten Figur macht. Auch Domhnall Gleeson und Will Pouter erledigen ihren Job klasse.


Emmanuel Lubezki – Kameramann für die Geschichtsbücher

Der heimliche Star des Films ist aber – mal wieder – der Kameramann. Emmanuel Lubezki liefert uns Bilder ab, die an Weltklasse grenzen. Der ständige Perspektivenwechsel, die fehlenden Schnitte, ersetzt durch Schwenks, bei der Bärenattacke – oder aber die in realem Licht abfotografierten Landschaftsaufnahmen begeistern und sind letzten Endes das, was von The Revenant hängen bleibt. Das war bei Gravity so, das war bei Birdman so. Ein Jahrhunderttalent.

Wenn also das alles so toll ist, wieso habe ich dann etwas zu meckern? Ganz einfach: Der Film will schlichtweg zu viel. Mich stört die ständig erzwungene Emotionalität, wobei der Film doch eigentlich rau und trocken sein will. Dieses geflüsterte Indianisch und die unnötigen Flashbacks (die ich fast immer in Filmen hasse) wollen noch tiefgründiger sein und noch mehr Emotionen wecken. Mich nerven sie nur. Sie sind zwar kunstvoll gefilmt, halten aber auf. Die zweite Perspektive durch die Indianer ist zudem nur politisch korrekt und völlig belanglos für die Story. So geht die „Reise“ mit DiCaprio total verloren. Man fühlt sich nicht mehr bei ihm (wie z. B. Bei Tom Hanks in Castaway) und verliert die Nähe.



Dann wäre da noch die immer wieder auftauchende, spirituelle Atmosphäre. Sorry, aber ich muss schmunzeln, wenn plötzlich ein Baum umarmt wird oder eine Indianerin über einem Feld schwebt. Für so etwas habe ich nichts übrig. Egal, welche Bildsprache dahinter versteckt sein mag. Es wirkt märchenhaft lächerlich und übertrieben. Die angebliche Rohheit des Films erschließt sich mir einfach nicht. Weder in der Eingangsszene, noch bei der Bärenattacke (schaut euch mal Backcountry oder Red Machine an) oder sonst wo. Ja, es ist blutig. Aber roh? Zu keiner Sekunde war ich geschockt oder verspürte einen Oha-Moment. Das haben Filme wie z.B. Saving Private Ryan, Irreversibel oder Die Grauzone viel besser hinbekommen. Hier konnte lediglich das Ende punkten.

Was den Revenge-Faktor angeht: Der beginnt, wenn überhaupt erst im letzten Drittel. Das suggeriert einem der Trailer noch ein bisschen anders. Vielleicht war mal wieder genau das das größte Problem, denn dort werden einem atemlose Hetzjagden, Kämpfe und Spannung versprochen. Das alles kommt auch. Nur leider sehr dezent. Gehalten wurde hier nur das Versprechen der bildschönen Aufnahmen. Außerdem finde ich es sehr schade, dass zum Wohle der Wirkung teils dann noch auf Logik verzichtet wurde. Naja, insgesamt dauert der ganze Spaß bei einer solch dünnen Handlung dann einfach viel zu lang. 20-30 Minuten weniger hätten mindestens gut getan. Ja, als der Film vorbei war war der Saal ruhig. Die Leute waren müde und froh, dass diese fast dreistündige Odyssee nun endlich vorbei war. Weil jeder ja dann doch schon vorher wusste, wie es wohl enden würde.


Fazit

The Revenant – Der Rückkehrer ist in Teilbereichen der vielleicht jetzt schon beste Film des Jahres. Kamera, Ausstattung, Score, Ton, Bild, Ton- und Bildschnitt, Darsteller. In Sachen Drehbuch und Regie verfehlt er sein Ziel aber bei weitem. Mich hat der Film leider gar nicht abgeholt oder emotionalisiert und genau das wollte ich erfahren. Ich fühle mich an Gravity erinnert, an dem ich ebenfalls wegen der nervigen Metaphorik zu knabbern hatte. Ein blutiges Rachemärchen, dass offenbar den Nerv der Zeit trifft. Meinen aber nicht.

Dieser Film könnte euch gefallen, wenn ihr Filme wie Auf Messers Schneide oder Gravity gesehen habt. Meine krittiq dazu gibt’s HIER.

Ich möchte meine Leidenschaft für Filme mit Euch teilen. Es gibt so viele spannende, interessante Werke, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Manchmal braucht ein stark kritisierter Film einen Verteidiger. Andere gehypte Filme müssen dagegen auch mal hinterfragt werden. Filme müssen Spaß machen.

2 Kommentare on "The Revenant – Der Rückkehrer: Schönes Rachemärchen ohne Drive"

  • Mir missfiel auch das permanente Betonen der verstorbenen Familie. Auch ohne die Visionen und Rückblenden hätte man eine klassische Rachegeschichte erzählen können.

    Allerdings bin ich anderer Meinung, dass der Film zu lange ist und zu sehr schlaucht. Ich denke gerade das war ja die Absicht des Regisseurs. Den Zuschauer auch ein bißchen zu quälen um den Überlebenskampf von Glass deutlicher zu machen und den Zuschauer ebenfalls mitleiden zu lassen.

    • Micha

      Das mag sein, ja. Ich wurde aber nicht gequält, sondern müde :)

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